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Reportage
von Heinz Hebeisen :
Porto und der Douro Fluss: Pulschlag Portugals Auf seinem 895 km langen Weg zum Meer fliesst der Douro durch die besten Weinbaugebiete Spaniens und Portugals. Diese Tatsache macht ihn sympathisch. Aber auch landschaftlich ist der lateinische Bruder des Rheins und der Mosel für eine Überraschung gut. An der spanisch-portugiesischen Grenze wird der Duero zum Douro. Durch wildromantische Landschaft sucht er sich den kürzesten Weg nach Porto, wo er in den Atlantik fliesst.
Reise vom Paläolitikum zur Weinstadt Porto am Atlantik
Bildbericht von Heinz Hebeisen
Auf seinem 895 km langen Weg zum Meer fliesst der Douro durch die besten Weinbaugebiete Spaniens und Portugals. Diese Tatsache macht ihn sympathisch. Aber auch landschaftlich ist der lateinische Bruder des Rheins und der Mosel für eine Überraschung gut. An der spanisch-portugiesischen Grenze wird der Duero zum Douro. Durch wildromantische Landschaft sucht er sich den kürzesten Weg nach Porto, wo er in den Atlantik fliesst.
Altsteinzeitliche Kunst
Die Reise beginnt im Paläolithikum. Damals ritzten und meisselten unsere Vorfahren Pferde, Ziegen, Jagdszenen und sogar eine Menschenfigur in die Felsen des Côa-Tals, im Nordosten Portugals. Niemand in Foz Côa hatte sich früher für diese Kritzeleien 'gelangweilter Schäfer' interessiert. Kein Archäologe hatte je seinen Fuss in dieses Nebental des Douro gesetzt. Erst 1992, anlässlich einer Studie über die Umwelteinwirkungen des geplanten Staudamms, erkannte man in den eingemeisselten Figuren das, was sie eigentlich waren, eine archäologische Sensation. Bis sich die wissenschaftlichen Kenntnisse durchgesetzt hatten und die zahlreichen Fundstellen ausgewertet wurden, lief noch viel Wasser die Côa hinunter. Zunächst aber mochten sich viele nicht für den Fund begeistern und hätten das Côa-Tal lieber heute als morgen unter dem geplanten Stausee begraben.
Gegenwärtig sind drei von den 32 Fundstätten mit über 1800 Figuren der Öffentlichkeit zugänglich. Sie sind umzäunt und werden Tag und Nacht bewacht. Ein Besuch im Geländewagen ist ab Vila Nova de Foz Côa, dem Hauptort des Tals, zum Preis von 500 Escudos möglich. Archäologen erklären dem Besucher die eleganten Figuren, deren Umrisse als filigranartige Gravierungen zu erkennen sind. Die anderen Fundstellen erstrecken sich auf eine Gesamtfläche von 200 Quadratkilometer und werden geheim gehalten, um sie vor Vandalismus und unkontrollierten Besuchen zu schützen.
Der grosse Besucherstrom überfordert die lokale Bevölkerung. Im Sommer ist eine rund 30-tägige Anmeldung nötig. Noch fehlt es an guten Infrastrukturen. Das Angebot in Foz Côa ist auf 60 Hotelbetten beschränkt. Dennoch hat es der Gegend an Besuchern nie gefehlt. Keltiberer, Römer, Westgoten und Mauren haben im Tal des Duero gewohnt und ihre Spuren hinterlassen. Die heutigen Einwohner leben vom Anbau von Wein, Oliven und Mandeln.
Quintas und Weinstrassen
Erst schlängelt, dann windet sich der Duero durch ein liebliches Tal mit sanft ansteigenden Hügeln. Wir gelangen in das Land der Quintas und Weinstrassen. Ausflügler tuckern in gemütlichen Schiffen den Fluss hinauf und geniessen den Ausblick. An den terrassierten Hängen und Steillagen gedeiht der berühmte Portwein, 40’000 Hektaren stehen unter Trauben. Hübsche Dörfer wie Pinhao, Alijó und San Joao de Pesquera liegen zwischen den Weinbergen und am Ufer des Douro.
Quintas heissen die grossen Landgüter des portugiesischen Adels und der Oberklasse. Meistens handelt es sich um grosse Anwesen, mit Gutshof, Herrenhaus und einer prächtigen Auffahrt. 50 Quintas haben sich zur Rota do Vinho do Porto zusammengeschlossen und können besucht werden. Einige empfangen zahlende Gäste. Zur Erntezeit können Besucher beim Traubenstampfen mithelfen. Das sieht recht lustig und ausgelassen aus, ist aber mit harter Knochenarbeit verbunden ist. Unter dem strengen Blick des Vorarbeiters wird systematisch und rhythmisch getreten. Dabei legen die Stampfer einander die Arme um die Schultern, ähnlich wie die Griechen beim Sirtaki. Oft wird dazu gesungen, manchmal sogar in Begleitung einer Handorgel. Bis zum Ansatz der kurzen Hosen sind die Beine mit rotem Traubensaft verschmiert. Zum allgemeinen Gaudi verschwindet schon mal einer ganz in den Trauben. Doch erst wenn die Lese im Fass ist, wird es auf den Quintas Zeit zum Festen. Die Tische biegen sich unter den zahlreichen Leckerbissen, zu denen nicht zuletzt auch die hervorragenden Nachspeisen gehören, deren Herstellung die Portugiesen meisterhaft beherrschen.
Der Fluss windet sich munter weiter, an terrassierten Weingärten und stolzen Quintas vorbei. Ab und zu ein Barragem. Ideal zum Segeln. Früher wurde der junge Wein in Fässern auf die Rabelos gestapelt und zum Reifen in die Kellereien nach Porto verschifft. Seit Portugals Eintritt in die EG darf der Wein auch im oberen Dourotal ausgebaut werden, moderne Tanklastwagen sorgen für den Transport. Heute sind die Rabelos eine Erinnerung an andere Zeiten und beliebtes Sujet für das Urlaubsbild. Über das ausgeklügelte Schleusensystem lässt sich die beschauliche Weinlandschaft, fernab von jedem Massentourismus entdecken.
Porto
Die reiche Handelsstadt mit ihren zahlreichen Brücken thront über der Mündung des Duero. Als Portus Gallorum hat sie Portugal den Namen gegeben. Und damit fängt es schon an mit der alten Rivalität zwischen Lissabon und Porto. Im Fussball wie in der Politik. Die Einwohner Portos sprechen von la outra capital und erinnern gerne an das alte Sprichwort Lisboa divértese e Porto travalha. Ein anderes Sprichwort behauptet, wenn Lissabon noch schnarcht, sitzt Porto schon beim Frühstück.
Bekanntlich ist in jedem Scherz ein Körnchen Wahrheit. Tatsächlich ist Porto eine geschäftige Hafenstadt und pflegt schon seit Jahrhunderten Handelsbeziehungen mit London, Hamburg und Amsterdam. Wie ihre Schwesterstädte trinkt sie Tee und untertreibt gewaltig. Paläste gibt es kaum in dieser Stadt. Dafür aber feines Tafelsilber und Mahagonimöbel hinter den Fassaden der stattlichen Bürgerhäuser. Auch die bombastische Börse mit ihrer gewaltigen Kuppel zeugt vom sprichwörtlichen Fleiss und Geschäftssinn der Einwohner. Im Jahre 1995 exportierte die Stadt Porto Waren im Wert von 500’000 Millionen Escudos.
Die Stadt hat hat Atmosphäre. Altes Kopfsteinpflaster, eine holperige Strassenbahn wie anno dazumal, malerische Coiffeurgeschäfte der Jahrhundertwende. Die zahlreichen Kunstdenkmäler zeugen von einer reichen Vergangenheit. Wegen ihrer historischen und kunstgeschichtlichen Bedeutung wurde die Altstadt im Dezember 1996 von der UNESCO zum Erbe der Menschheit erklärt. Weitere Rundgänge führen durch das barocke Porto und zu den schönsten Beispielen der prächtigen blauen Fliesen aus verschiedenen Jahrhunderten. Für alle drei Rundgänge gibt es handliche kleine Faltschriften mit Lageplan und übersichtlicher Beschreibung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten.
Der vierte “Rundgang“ gilt der Kulinarik, ein kleines Fest, das zumindest im Urlaub jeden Tag zelebriert werden sollte. Porto ist berühmt für seine hervorragende Küche. Wie wärs mit einem Gang durch den Bulliao-Markt als eine Art Apero. Und dann ein Essen in einem der stimmungsvollen und gepflegte Lokale, vielleicht im Restaurant Mercearia unten am Fluss. Aus den riesigen Halbrundfenstern im ersten Stock gleitet der Blick über den träge dahinfliessenden Douro, die Weinhandelshäuser am anderen Ufer in Vila Nova und über das Wahrzeichen, die Brücke D.Luis I., von einem Eiffelschüler gebaut.
DerBacalhau ist im Mercearia eine Entdeckung wert. Er wird hier in einer grossen, köstlichen Vielfalt zubereitet. Bacalhau ist getrockneter und eingesalzener Kabeljau, also Klippfisch und bei uns durch die moderne Tiefkühltechnik weitgehend aus der Mode gekommen. In Portugal gibt es aber noch Geschäfte, die nur diesen einen Artikel verkaufen. Richtig entsalzen, nicht zuwenig, sonst macht er höllisch durstig, ist er eine Köstlichkeit.
Andere typische Gerichte sind nicht unbedingt etwas für Anfänger, weil ungewohnt für den helvetischen Gaumen. Gerade so, als wenn man die Einwohner Portos ohne Vorwarnung mit einem zünftigen Fondue überfällt. Einem weiteren Gericht für Eingeweihte haben die Einwohner dieser Stadt sogar ihren Übernamen Tripeiros zu verdanken. Es sind die Kutteln, die hier besonders gut schmecken. Bei der Weinwahl gilt es aufzupassen: ein Rotwein aus dem Dourotal passt zum Essen, aber der Portwein, Ruby, Tawny oder vielleicht sogar ein Vintage Port darf erst zur Nachspeise degustiert werden.
Vom Paläo-Politikum
Im Sommer 1992 liess das öffentliche Elektrizitätswerk Portugals (EDP-Electricidade do Portugal) eine Studie über die Umwelteinwirkungen des geplanten Staudamms durchführen. Auf zahlreichen Felsen wurden altsteinzeitliche Gravierungen entdeckt. Die Regierung verschwieg den sensationellen Fund während nahezu drei Jahren. Es ging um den Bau von Europas zweitgrösstem Staudamm. Mittel aus europäischen Fonds in Höhe von 400 Mio. Franken standen auf dem Spiel.
Als die Sache dann doch publik wurde, waren die Bauarbeiten am Staudamm schon weit fortgeschritten. Damit begannen die Diskussionen. Bald waren die politischen Parteien und staatlichen Einrichtungen in zwei Fronten geteilt: die Befürworter des Barragem und die Verteidiger der archäologischen Parks.
Endlich kündete der Präsident der Republik seinen hohen Besuch in Vila Nova de Foz Côa an. Sicherlich der erste in der Geschichte des verschlafenen Dorfes. Dass der Gemeinderat sich weigerte, ihn zu empfangen ist ein weiteres Novum in der portugiesischen Geschichte.
Der Präsident wurde dann in der Kellerei der lokalen Genossenschaft empfangen. Mittlerweile sind ihre rund tausend Mitglieder nämlich durchaus auf den Geschmack für altsteinzeitliche Kunst gekommen. Mitten in der Debatte über den Barragem entwarfen die Genosserschafter paläolitische Etiketten und schufen phantasievolle Marken wie Gravuras do Côa, Arte do Côa, Paleolítico und Vale Sagrado. Der Umsatz steigerte sich von 30 auf 2.000 Mio Escudos. Ein Teil des Gewinns wurde in einen internationalen Kongress investiert, der den Gravuras ihre Echtheit bestätigte.
Im vergangenen Jahr gewann die sozialistische Partei die Wahlen. Es kam zu einem Regierungswechsel und die Arbeiten am Staudamm wurden eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereit 180 Mio. Franken den Bach hinunter geflossen.. Im April 1996 stellte die Regierung 25’000 Millionen Escudos zur Entwicklung der Region frei. Das Tal wurde zum archäologischen Park Vale do Côa erklärt und es fliessen im 2’700 Millionen Escudos zu.
Porto: Brücke von D. Luis I und im Hintergrund der Turm "Torre dos Clérigos"
Cima Corgo: Sociedade Agrícola da Quinta do Crasto in Gouvinhas, Sabrosa; das vom Architekten Eduardo Souto Moura entworfene Schwimmbad mit Blick über den Douro